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Dr. Ulf Kämpfer: Kiel steht auf (für) Demokratie

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“, so heißt es im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Ähnlich dachten vermutlich die Kieler Matrosen, als sie sich im Herbst 1918 weigerten, für die “Ehre“ der kaiserlichen Flotte in eine letzte, aussichtslose Seeschlacht zu ziehen. Sich den Befehlen der Offiziere zu verweigern, war etwas Unerhörtes, Neues – und für die Matrosen persönlich hoch riskant. Doch ihr mutiger Einsatz, dem sich alsbald viele Arbeiter anschlossen, setzte vor hundert Jahren eine Kettenreaktion in Gang. Sie führte in wenigen Tagen zum Ende des 1. Weltkriegs und zum Sturz der Monarchie. Es folgten Abschaffung des Adels, die erste echte demokratische Verfassung Deutschlands und viele weitere Errungenschaften wie die Einführung des Frauenwahlrechts oder die Stärkung der Gewerkschaften.

Kiel hat damit nationale Geschichte geschrieben – das wird uns in der Rückschau sehr bewusst und darauf können wir stolz sein. 1918 war ein besonderes Jahr in der deutschen Geschichte, das Jahr der ersten erfolgreichen deutschen Revolution. Deutschland war in Sachen Demokratie ein Spätzünder, aber 1918 kam sie mit großer Wucht. Demokratie zu erkämpfen: Das war eine mutige Tat, die viele Menschen mit ihrem Leben bezahlt haben. Wir können es ihnen noch heute danken, indem wir an sie erinnern und sie ehren.

Gerade in den letzten Jahren ist uns bewusst geworden, was doch eigentlich selbstverständlich ist: Demokratie, Toleranz und Pluralismus sind keine Selbstgänger. Eine demokratische Gesellschaft ist kein fester Zustand, den man ein für allemal erreicht. Die Weimarer Republik, die auf 1918 folgte, hatte manchen Webfehler und stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Vor allem aber scheiterte sie, weil sie eine „Demokratie ohne Demokraten“ war. Weimar endete 1933 Knall auf Fall, doch Freiheit und Demokratie können auch, wie wir heute vielerorts sehen, scheibchenweise sterben.

Man/wir/ich/jeder muss etwas tun, um die Demokratie zu erhalten, zu beleben, zu stärken. Deshalb stellen wir im Kieler Jubiläumsjahr die aktuelle Frage: Wofür stehst Du auf? Sie soll zu Diskussionen anregen und das Engagement vieler Menschen würdigen. In diesem Blog stellen sich in den kommenden Monaten einige von ihnen vor und berichten darüber, wofür sie sich stark machen. Demokratie leben bedeutet, sich immer wieder neu für sie einzusetzen. Willy Brandt hat dies in seiner ersten Regierungserklärung im Oktober 1969 auf den Punkt gebracht: „Die Regierung kann in der Demokratie nur erfolgreich wirken, wenn sie getragen wird vom demokratischen Engagement der Bürger. Wir haben so wenig Bedarf an blinder Zustimmung, wie unser Volk Bedarf hat an gespreizter Würde und hoheitsvoller Distanz. Wir suchen keine Bewunderer; wir brauchen Menschen, die kritisch mitdenken, mitentscheiden und mitverantworten.“ Das gilt aktuell mehr denn je.

Das Märchen von den Bremer Stadtmusikaten geht gut aus. Sie entrinnen der Gefahr und gewinnen ein neues Leben. Die Kieler Matrosen haben gezeigt, dass man auch in der Wirklichkeit den Mächtigen trotzen und die Welt aus den Angeln heben kann. Wie viel leichter sollte es uns heute fallen, sich für die eigenen Anliegen oder die Nöte anderer Menschen stark zu machen, da wir – anders als die Matrosen und Arbeiter in Kiel – dafür nicht Freiheit und Leben auf’s Spiel setzen müssen.

Engagement birgt das Risiko des Scheiterns, der Enttäuschung in sich. Auch dies können wir aus der deutschen Revolution 1918 und den nachfolgenden Jahren lernen. Aber wir müssen die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht fahren lassen, erst recht nicht, wenn wir Hoffnung so interpretieren wie Václav Havel: „Hoffnung ist eben nicht Optimismus, ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“

Demokratie lebt nicht von Sonntagsreden oder Blogeinträgen, sondern vom guten Vorbild. Deshalb meine Bitte: Helfen Sie mit, dass unsere Demokratie ein Ort des leidenschaftlichen, aber fairen Ringens um das bessere Argument und die bessere Idee bleibt! Herzlichen Dank.



Über den Autor: Dr. Ulf Kämpfer ist der 19. Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel. Er trat sein Amt am 24. April 2014 an.

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