Aufstehen

Ute Schulte Ostermann: Aufstehen für Kind & Natur

Aufstehen für Kind & Natur

“ […] Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Innern, an die man sich halten kann.“ Astrid Lindgren

Die Welt, die Astrid Lindgren anspricht, ist mir wohl bekannt. Wer wie ich, Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in Hamburg Altona, Ottensen, aufgewachsen ist, konnte unendlich viel spielen und Abenteuer erleben. Alles, was heute die Indoor- und Outdooranlagen bieten, hatten wir im wirklichen Leben. Damals spielten Kinder noch unbeaufsichtigt auf der Straße, Autos gab es noch nicht so viele und man nahm gegenseitig Rücksicht. Wir kletterten über Zäune, Mauern und Bahngleise. In geheimen Verstecken sammelten wir wertvolle Schätze wie Glas- und Porzellanscherben, Stücke von Metallrohren, Münzen, Seile, Stöcke und Steine, die wir auf Baustellen, in Trümmern, im Hafen oder Parkanlagen fanden. Im Spiel waren wir Piraten, Räuber, Detektive, irgendwann haben wir uns zu einer richtigen Bande zusammen gerauft. Kilometerweit sind wir gelaufen, um ins Freibad zur Elbe oder zur Alster zu kommen. Im Winter rodelten wir im Park den Berg runter und vergaßen die Zeit. Frierend und hungrig, aber glücklich sind wir bei Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen. Ärger gab es dann manchmal auch, dann gab’s Stubenarrest, die schlimmste aller Strafen. Bis auf blaue Flecken, aufgeschlagene Knie, Ellenbogen und Stürze aufs Kinn habe ich keine weiteren Unfälle erlebt. Wir haben früh gelernt, mit Gefahren umzugehen, es war aber auch immer eine Portion Glück dabei. Außer dem Spiel gab es selbstverständlich auch noch die Schule, die für uns sehr wichtig war, denn dort traf sich unsere Bande immer nach Schulschluss – von montags bis samstags. Dort wurde dann beraten, was am Nachmittag stattfinden sollte.

Die Sonntage allerdings waren für mich völlig anders und ganz besonders. Wenn meine Freunde frühmorgens in Sonntagskleidung auf der Straße spielten, ging ich mit meinem Vater mit Gummistiefeln, Regenkleidung und Rucksack zum Altonaer Bahnhof. Wir fuhren mit der Dampflok nach Aumühle, Friedrichsruh oder Schwarzenbek. Hier habe ich den schönsten und größten Wald kennen und lieben gelernt, den Sachsenwald. Bäume, Sträucher, Blumen, Pilze, Moose, Flechten, Tiere – ich kenne sie alle seit dieser Zeit. Ich sehe mich heute noch, wie ich auf einem dicken Ast über einem „Abgrund“ liege und mich sicher und geborgen fühle und die Rehe auf einer Lichtung beobachte. Wir haben Tannenzapfen gesammelt, damit Weitwurf geübt oder etwas gebaut. Wir haben uns versteckt und wiedergefunden. Wir sammelten Beeren und Pilze und sind abends mit der Dampflok und vollem Gepäck heimgefahren. Oft schlief ich schon während der Zugfahrt ein.

Die Spiel- und Naturerfahrungen meiner Kindheit sind mir zur Lebensaufgabe geworden, sowohl privat, als auch beruflich. Ich lebe seit 45 Jahren in Kiel, einer Stadt, die etwa so groß ist wie der Hamburger Stadtteil Altona und als Hafenstadt mit vielen Grünflächen manche Ähnlichkeit mit ihr hat. In Kiel ist es selten windstill, immer gibt es genügend frische Luft zum Atmen. Was mich besonders an Kiel begeistert, sind die dörflichen Stadtteile und in einem von diesen lebe ich nun schon seit 35 Jahren. Meine Kinder und ihre Freunde hatten dort genauso viel Freiheit und ebenso eine abenteuerliche Kindheit wie ich. Auch sie fanden Schätze, auf den Feldern, in den Knicks und Teichen. Versteinerte Seeigel, Donnerkeile, Knochen, Schneckengehäuse, Metallschrott. Sie kletterten auf Bäume, stiegen über Zäune und bauten Höhlen und Baumhäuser.

Während meine Kinder größer wurden, habe ich anderen Kindern die Natur und Umwelt nahe gebracht, indem wir gärtnerisch tätig waren und Umweltprojekten durchführten, für die wir sogar Preise erhalten haben. Die Zeit blieb nicht stehen und um noch mehr Kinder zu erreichen, habe ich nach einem weiteren Studium meine Tätigkeit auf die Erwachsenenbildung ausgeweitet.

Wie aber sieht die Lebensumwelt der Kinder heute aus? Die Vorstellung davon, was Natur ist, wird mehr und mehr durch Medien vermittelt und weniger durch eigene und sinnliche Erfahrungen erworben. Das fördert Unsicherheit und schafft unnötige Angst vor der Natur, so wie es der amerikanische Umweltjournalist Richard Louv in seinem Buch „Das letzte Kind im Wald?“ beschreibt. Es gibt über hundert Studien, die den positiven Einfluss der Natur auf die soziale, geistige und psychische Entwicklung von Kindern belegen. Deshalb sollten Kinder vermehrt die Möglichkeit erhalten, die Natur spielerisch zu erfahren. Das fördert ihre Gesundheit, Kreativität, Ausdauer und Konzentration.

Seit acht Jahren bin ich Vorsitzende beim Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland e.V.(BvNW), eine verantwortungsvolle, ehrenamtliche Herzensaufgabe. Diese Form der Kindergärten ist nicht nur bei uns gefragt, sondern inzwischen ein deutscher Exportschlager. Seit einigen Jahren bin ich für den BvNW weltweit für Vorträge und Workshops unterwegs. In diesem November findet in Berlin der II. Internationale Kongress der Natur- und Waldkindergärten statt – passend zum 50. Jubiläum des ersten Waldkindergartens in Deutschland.

Was ich mir für die Zukunft wünsche ist eine stärkere und bundesweite Unterstützung aus Politik und Verwaltung bei der Gründung und dem Betrieb von Natur- und Waldkindergärten.

Leben wir Demokratie, in dem wir aufstehen – für Kind & Natur – indem wir unsere Kinder an die Hand nehmen und mit ihnen in die Natur rausgehen – für einen Fortbestand der Welt – für uns, unsere Kinder und nachfolgende Generationen.


Über die Autorin: Ute Schulte Ostermann ist Dipl. Sozialpädagogin, Umweltpädagogin, Spiel- und Theaterpädagogin, Vorsitzende des Bundesverbandes der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland e.V., Dozentin der „NaturSpielpädagogik“ beim Institut für Weiterbildung der Fachhochschule Kiel.

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