Aufstehen

Marie Delaperrière: Aufstehen für Freiheit und Umwelt

Freiheit ist immer ein Wagnis. Freiheit bedeutet, Risiken auf sich zu nehmen, denn Freiheit muss auch gegen Widerstände erkämpft werden. Das wussten auch die Matrosen und Arbeiter, die sich im November 1918 gegen die Willkür ihrer Vorgesetzten erhoben und der ersten deutschen Demokratie den Weg ebneten.

Es ist der Altruismus jener Protagonisten aus dem Jahr 1918, der mich so tief beeindruckt und fasziniert. Die Matrosen und Arbeiter hatten den Mut, etwas zu verändern. Sie hatten den Mut, anders zu denken und ihre Gedanken von Freiheit zu verbreiten. Sie riskierten sogar ihr Leben, um anderen Menschen zu helfen. Ihr Einsatz hat sich gelohnt, denn die Demokratie ist eine Staatsform, die uns Freiheit erst ermöglicht.

Als selbstständige Unternehmerin habe ich ein besonderes Verhältnis zur Freiheit. Freiheit heißt für mich, von Ideen überzeugt zu sein, daraus Ziele zu entwickeln und diese zu verfolgen. Freiheit beginnt für mich mit einer eigenen Meinung und heißt vor allem, sich selbst treu und gegen Skeptiker und Kritiker standhaft zu bleiben.

All diese Grundsätze spielen für mich eine wichtige Rolle. Es war im Jahr 2012, als ich einen Artikel über Béa Johnson las, die mit ihrer vierköpfigen Familie seit vier Jahren keinen Müll produziert. Als Mutter von drei Kindern dachte ich sofort daran, dass auch in meiner Familie zu viel Müll produziert wird. Dieses Problem hat mir keine Ruhe mehr gelassen. Ich habe viel mit Freunden darüber geredet und dann kam mir die Idee, einen Laden in Kiel zu eröffnen, der im Verkauf auf Einwegverpackungen verzichtet. Es ging für mich vorrangig nicht darum, Geld mit dem Geschäft zu verdienen. Vielmehr wollte ich mit einem Unverpackt-Laden etwas wirklich Sinnvolles tun. Erst dann kam mir der ökologische Gedanke, den ich seit meiner Kindheit kannte. Damals lebte ich mit meinen Eltern auf einem einfachen Bauernhof in Südfrankreich. Supermärkte haben wir kaum besucht und auch sehr selten verpacktes Essen gekauft. Meine Familie hat sich aus einer eigenen Tier- und Pflanzenhaltung autark versorgt.

Als Jugendliche bin ich mit meiner Familie nach Toulouse gezogen, habe mich dann in Paris weitergebildet und nach meinem Studium in der Logistikbranche bei Siemens in Erlangen gearbeitet. Von Lebensmitteln hatte ich nicht so viel Ahnung, auch wenn meine Eltern mir damals auf dem Bauernhof viel beigebracht haben.

Am Anfang stand die Idee, regionale und saisonale Produkte aus nachhaltigem Anbau anzubieten. Ich musste dann viel recherchieren und erst einmal herausfinden, wer solche Lebensmittel anbietet. Auf einen Unverpackt-Laden in Deutschland bin ich nicht gestoßen, habe aber Geschäfte in London und in Frankreich entdeckt, die weitgehend auf Einwegverpackungen verzichten. Ich habe mich wirklich gefragt: Wieso gibt es das noch nicht? Ist das etwa verboten? Zum Glück stellte sich diese Vermutung als falsch heraus. Die Idee von unternehmerischer Freiheit ist toll, aber niemand wird als Selbstständiger geboren. Selbstständig zu sein, ist vor allem mit viel Arbeit verbunden. Ich habe einen Geschäftsplan geschrieben, stand aber am Anfang ziemlich alleine da. Ich habe fast mein gesamtes Privatvermögen in die Geschäftsidee investiert und bin somit ein großes Risiko eingegangen. Für mich zählte aber der Idealismus und nicht das Portemonnaie. Die Angst vor dem Scheitern hat mich zusätzlich motiviert, einen erfolgreichen Unverpackt-Laden aufzubauen.

An meiner Überzeugung festzuhalten, hat sich total ausgezahlt. Mittlerweile werde ich von einem tollen Team unterstützt und kenne viele meiner Kunden. Ich sehe mich aber weiterhin nicht als profitorientierte Unternehmerin, sondern als Teil einer Bewegung, der es darum geht, die Welt für die nächste Generation zu erhalten. Dafür stehe ich jeden Morgen auf. Und dafür organisiere ich Workshops und halte Vorträge, um anderen Menschen von meinen Erfahrungen zu berichten und die Idee von Unverpackt-Läden so zu verbreiten.

Der Unverpackt-Laden war und ist meine Mission. Ich möchte damit einen Beitrag leisten gegen Verschwendung von Lebensmitteln und Ressourcen und für Nachhaltigkeit. Ich bin der Auffassung, dass die Menschen noch bewusster konsumieren müssen. Ich spreche mich nicht für Verzicht oder Enthaltsamkeit aus, möchte mich aber dafür einsetzen, beim eigenen Konsum die Auswirkungen auf die Umwelt zu bedenken.
In den kommenden Jahren gibt es für mich noch viel zu tun. Gerne würde ich mich mit den anderen Unverpackt-Läden zum Beispiel in einer Genossenschaft zusammenschließen. Menschen können zusammen noch mehr erreichen als alleine. Das zeigt nicht zuletzt die Geschichte des Matrosenaufstandes.

Freiheit und Risiko sind für mich eng miteinander verbunden. Jedes Risiko muss man abwägen, aber wenn Menschen immer nur Bedenken haben, bleiben sie am Ende passiv. Wir leben in einer Zeit, in der die Demokratie selbst in Europa nicht mehr selbstverständlich ist. Wir dürfen unsere Freiheit aber nicht verlieren. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, wie es auch die Matrosen und Arbeiter vor 100 Jahren taten.


Über die Autorin: Marie Delaperrière wurde 1973 im Süden Frankreichs geboren und kam mit 35 Jahren, zusammen mit Ihrem Ehemann, nach Kiel. Mit der Eröffnung Ihres Geschäfts ‚unverpackt’ realisierte die dreifache Mutter die Idee Lebensmittel ohne Einwegverpackungen zu verkaufen und war damit die erste in Deutschland. Im ‚unverpackt‘ in Kiel gibt es fast alles für den täglichen Bedarf. Wer hier was kaufen möchte, bringt zum Abfüllen entsprechende Behälter mit. Die Kunden entscheiden wieviel sie von einem Produkt kaufen möchten, das wirkt der Verschwendung von Lebensmitteln entgegen und ist nachhaltig.

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