Aufstehen

Angelika Volquartz: Aufstehen für Familie und Gesellschaft

Aufstehen für Familie und Gesellschaft

Am Beginn meines naturwissenschaftlichen Studiums an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Wintersemester 1967/68) standen große gesellschaftliche Umbrüche. Die Immatrikulationsfeier fand noch störungsfrei statt, aber dann begannen die „68er“.

Demonstrationen zum „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ wurden zum beherrschenden Thema, und wir Studentinnen waren dabei. Ein Demonstrationszug wurde durch Wasserwerfer in unmittelbarer Nähe des Schleswig-Holsteinischen Landtages gestoppt. Kundgebungen verliefen immer aggressiver und Gewalttätigkeiten nahmen zu. Obwohl auch ich mich gegen die Erhöhung der Straßenbahngebühren auf die Schienen setzte – die Gewalttätigkeiten schreckten mich ab, ich hatte den Eindruck, dass zum Teil der Aufstand zum Selbstzweck geworden war. Veränderungen mussten sein. Daran gab es für mich keinen Zweifel, und ich setzte mich auf meine Weise ein.

Gleichberechtigung war ein Fremdwort, und ich sollte es noch erleben, dass ein Politiker keine Skrupel hatte, mich mit der Formulierung „Kompetenz gegen Kostüm“ zu bekämpfen. Schwanger zu werden und weiter zu studieren, war „anmaßend“. Und natürlich war es erheblich erschwert ohne die heute selbstverständlichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Vor meiner Einstellung in den Schuldienst bekam ich am Ende eines Gesprächs die Frage gestellt: „Sie wollen wirklich arbeiten? Ihr Mann verdient doch!“ Mit unserer damals dreijährigen Tochter an der Hand, drehte ich mich beim Verlassen des Raumes um und erklärte: „Ich verdiene mein eigenes Geld, wozu habe ich denn studiert und für Veränderungen gekämpft“? Das wurde zu einem Motto. Jahrzehnte später gab es die erste Kinderbetreuung an der Uni. Den Kampf habe ich in unterschiedlichen Funktionen meiner politischen Laufbahn, aber auch vorher als Lehrerin und Schulleiterin fortgesetzt:

– Gleichberechtigung für Schülerinnen und Schüler, Gleichberechtigung für Menschen mit Behinderung. Eine unvergessliche Klassenfahrt mit „meiner“ Klasse und einer Klasse einer Schule für geistig-und körperbehinderte Kinder. Eine Woche gemeinsames Leben in einem Landschulheim.

– Für Kinder und benachteiligte Menschen bin ich immer wieder aufgestanden im RonaldMcDonald-Haus, einem Haus für Familienangehörige schwerkranker Kinder, als Präsidentin und damit auch als „Spendeneinsammlerin“ im Mehrgenerationenhaus in Gaarden: Ideelle Unterstützung der Hauptamtler für den Erwerb eines Schulabschlusses für alleinerziehende Mütter. Auch hier Einwerben von Spenden im Team, um die Lehrkräfte zu finanzieren.

– Aufgestanden für Tausende bedürftige Kinder. „Mach Mittag“, eine warme Mahlzeit für die Kinder in der Schule, aufgestanden mit einem tollen Team von Ehrenamtlern und einer kostenlosen Werbelinie einer Kieler Agentur für die Kinder.

– Aufgestanden für die Einrichtung des ersten eigenen Frauenhauses in Kiel.

– Schließlich nun ein Durchbruch für die Schulkinder im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD: „Wir wollen, dass Kinder unabhängig vom Elternhaus die gleichen Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe erhalten und ihre Fähigkeiten entwickeln können“. „Unter anderem soll hierzu das Schulstarterpaket aufgestockt werden. Die Eigenanteile zur gemeinschaftlichen Mittagsverpflegung in Kitas und Schulen und für Schülerbeförderung entfallen“.

Aufstehen für unsere Gesellschaft, wo immer es erforderlich ist, nicht einfach sitzen bleiben: Das hilft Menschen, das stärkt unsere Gesellschaft und dient der Demokratie.


Über die Autorin: Angelika Volquartz war von 2003 bis 2009 Oberbürgermeisterin der Stadt Kiel. Vorher war sie bereits von 1992-1998 im Kieler Landtag und von 1998-2003 im Bundestag aktiv. Im geschichtsträchtigen Wintersemester 1967/1968 immatrikulierte sie sich an der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel.

Damit begann auch ihr Engagement für Gleichberechtigung und für das Wohl von Kindern. Heute ist sie in Kiel vor allem aufgrund ihres Einsatzes für „Mach Mittag“ als Aufsteherin bekannt: Ein Projekt, bei dem warmes Essen für bedürftige Kinder in Kieler Schulen finanziert wird.

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